Enterprise 2.0

Ein Blog über den Einsatz von Social Media in Organisationen

Lernt endlich vom PISA-Gewinner!

| Keine Kommentare

Als die Ergeb­nisse der letz­ten PISA-Studie (1) im Dezem­ber 2013 ver­öf­fent­licht wur­den, war in der Deut­schen Medi­en­land­schaft ein Auf­at­men zu spü­ren. Deutsch­land sei in allen Berei­chen über dem Durch­schnitt bzw. deut­sche Schü­ler holen auf. Es stimmt, Deutsch­land hat sich im Ver­gleich zur ers­ten Stu­die im Jahre 2000 ver­bes­sert. Aus einem Platz im Mit­tel­feld wurde ein Platz am Ende des ers­ten Drittels.

Deutsch­land könnte sich auf­grund der Ver­bes­se­run­gen als euro­päi­scher PISA-Gewinner der letz­ten 12 Jahre sehen. Dies ist jedoch falsch, denn ein Land war 2000 teil­weise deut­lich hin­ter Deutsch­land und hat uns in allen Berei­chen über­holt. Um wel­ches Land han­delt es sich? Die Ant­wort mag viele deut­sche Leser über­ra­schen. Es ist nicht Finn­land, son­dern Polen! Die fol­gende Tabelle zeigt einen Ver­gleich der Ergeb­nisse von 2000 und 2012. Sie ver­deut­licht, die Anstiege in Deutsch­land sind ordent­lich, aber pol­ni­sche Schü­ler top­pen diese im Bereich Mathe­ma­tik und Lesen sehr deutlich.

PISA 2000, S. 60, 91, 103 + PISA 2012 (http://www.keepeek.com/Digital-Asset-Management/oecd/education/lernen-fur-das-leben_9789264595903-de#page104)

Noch inter­es­san­ter wer­den die Ergeb­nisse, wenn wir uns die Län­der anschauen, die häu­fig als Vor­zei­ge­län­der ange­prie­sen wer­den (2). Fin­ni­sche Schü­ler kön­nen im Bereich Mathe­ma­tik und Lesen ihr sehr hohes Niveau nicht hal­ten, auch wenn die Ergeb­nisse noch sehr ordent­lich sind. Noch viel schlim­mer sieht es in Schwe­den und in UK aus. Dort schnei­den die Schü­ler in allen Berei­chen deut­lich schlech­ter ab als vor 12 Jah­ren und fal­len damit deut­lich hin­ter Polen und Deutsch­land zurück. In der Schweiz gab es eben­falls Ver­bes­se­run­gen und in Frank­reich ging es in der Mathe­ma­tik bergab:

Die Struk­tur­frage ver­blen­det den Blick auf das Wesentliche!

Nach dem PISA-Schock am Anfang des Jahr­tau­sends gab es in Deutsch­land beson­ders im Bereich der früh­kind­li­chen Bil­dung und der Grund­schu­len deut­li­che Reform­an­stren­gun­gen, die die Ver­bes­se­run­gen erklä­ren. In der Sekun­dar­stufe I und II wurde jedoch pri­mär über Struk­tu­ren dis­ku­tiert – Haupt­schule Ja oder Nein –, wes­halb die inter­es­san­ten Fra­gen wie Inhalte und Ziele von Bil­dung, Lern­kul­tur, Didak­tik nur im Hin­ter­grund ste­hen. Ver­bes­se­run­gen sind so schwierig.

Woher kommt das gute Ergeb­nis der pol­ni­schen Schüler?

Polen ist also der euro­päi­sche PISA-Gewinner, obwohl diese Stu­die in der pol­ni­schen Öffent­lich­keit kaum dis­ku­tiert wird. Sie wird ledig­lich zur Kennt­nis genom­men. Einen PISA-Schock gab es dort dem­nach nie. Das pol­ni­sche Bil­dungs­we­sen ist beson­ders span­nend, weil ab 1999, also ein Jahr vor der ers­ten PISA-Studie, ein mas­si­ver Umbau gestar­tet wurde. Diese große Schul­re­form führte zu Ver­än­de­run­gen des pol­ni­schen Schul­sys­tems als auch des Schulunterrichts.

Die Grund­schule kürz­ten die Refor­mer von 8 auf 6 Jahre. Vor der Ober­stufe ent­stand eine neue Schul­form, die als Mit­tel­schule bezeich­net wer­den kann und in Polen Gym­na­sium genannt wird. Die­ses drei­jäh­rige Gym­na­sium ist nicht zu ver­wech­seln mit den deut­schen Gym­na­sien. An die Mit­tel­schule schlie­ßen sich ver­schiede Wege an, die von einem nor­ma­len Gym­na­sium, einem Gym­na­sium mit Schwer­punk­ten bis zu Berufs­schu­len reichen.

(3)

Die struk­tu­rel­len Refor­men wer­den in Polen unter­schied­lich bewer­tet. Beson­ders das pol­ni­sche Gym­na­sium (Mit­tel­schule) steht häu­fig in der Kri­tik, da die Schü­ler mit­ten in der Puber­tät ste­cken, wenn sie auf diese Schul­form wech­seln und des­halb nicht genü­gend Respekt den Leh­rern ent­ge­gen brin­gen. Die­ses Pro­blem sei beim Übergang von der acht­jäh­ri­gen Grund­schule in die Ober­schule im alten Sys­tem nicht so stark auf­ge­tre­ten. Des­halb gibt es For­de­run­gen, die Grund­schu­len mit den drei­jäh­ri­gen Gym­na­sien (Mit­tel­schule) zusam­men zu legen. Eine Selek­tion nach Leis­tung fin­det in Polen nach der Grund­schule nicht statt, da alle Schü­ler auf das Gym­na­sium (Mit­tel­schule) gehen. Dies ist ein wesent­li­cher Unter­schied zu den Sys­te­men in den deut­schen Bundesländern.

Leis­tung ist sicht­bar und vergleichbar

Wei­tere wesent­li­che Unter­schiede las­sen sich auf der Schu­le­bene ver­or­ten. Am Ende der ein­zel­nen Schul­for­men gibt es eine Abschluss­prü­fung in den Haupt­fä­chern. Im sechs­ten Schul­jahr bekom­men die Schü­ler durch die Prü­fung ein Feed­back über das eigene Leis­tungs­ni­veau in den Fächern Pol­nisch, Mathe­ma­tik und Natur­kunde. Die Prü­fung hat keine nega­ti­ven Kon­se­quen­zen. Ledig­lich sehr gute Schü­ler kön­nen sich in urba­nen Gebie­ten das Gym­na­sium aus­su­chen, auf das sie gehen wol­len. Nor­ma­ler­weise erfolgt die Zutei­lung des Gym­na­si­ums nach Wohn­ort. Unter güns­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen dient der Test als Leis­tungs­pro­fil, wel­ches auf­zeigt, wo Leh­rer und Eltern anset­zen kön­nen, um Schü­ler indi­vi­du­ell in bestimm­ten Punk­ten ent­we­der zu stär­ken oder zu verbessern.

Am Ende des drei­jäh­ri­gen Gym­na­si­ums (Mit­tel­schule) wer­den die Kom­pe­ten­zen der Schü­ler in den huma­nis­ti­schen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern abge­fragt. Die Prü­fung hat eine hohe Rele­vanz, da sie eine ent­schei­dende Vor­aus­set­zung für den wei­te­ren Schul­ver­lauf ist. Das Ergeb­nis ist die Ein­tritts­karte für die ein­zel­nen Schul­for­men in der Ober­stufe. Sowohl die Schü­ler, als auch die Schu­len kön­nen wäh­len. Am Ende der meis­ten Schul­for­men der Ober­stufe steht das Abitur, wel­ches den Übergang zu den Hoch­schu­len regelt.

Die regel­mä­ßi­gen Tests nach jedem Schul­ab­schnitt sind etwas Neues im pol­ni­schen Bil­dungs­we­sen, deren Wir­kung nicht unter­schätzt wer­den darf. Diese Tests wer­den zen­tral geplant, wes­halb sie für alle Schü­ler gleich sind. Damit soziale Ein­flüsse aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen, wer­den die Ergeb­nisse der Tests von Prü­fungs­kom­mis­sio­nen extern aus­ge­wer­tet. Die Ergeb­nisse wer­den ver­öf­fent­licht. Ein Bei­spiel ist die­ses Ran­king der Oberschulen:

Erste Plätze im Ran­king der Ober­schu­len aus ganz Polen

Auf­grund der Tests wird ein Ver­gleichs­maß­stab auf meh­re­ren Ebe­nen geschaf­fen. Dadurch kann gezeigt wer­den, wie sich die Schü­ler in den letz­ten drei Jah­ren ver­bes­ser­ten. Schu­len mit vie­len leis­tungs­schwa­chen Schü­lern hel­fen die regel­mä­ßi­gen Ver­glei­che. Sie kön­nen auf­zei­gen, wie stark sich Schü­ler ver­bes­ser­ten und zei­gen rela­tiv schnell, wel­ches Maß­nah­men wir­kungs­voll sind.

Gelebte Sub­si­dia­ri­tät

Für die Schu­len sind die Test eben­falls wich­tig, da sie das Ergeb­nis nicht mehr direkt beein­flus­sen kön­nen. Sie kön­nen die Resul­tate der eige­nen Schü­ler nur durch güns­tige Rah­men­be­din­gun­gen und gute Lehre ver­bes­sern. Haben Schu­len ähnli­che Vor­aus­set­zun­gen, dann kann Anhand der Ergeb­nisse auf die Güte der Arbeit der Schu­len geschlos­sen wer­den. Dadurch wird ein Wett­be­werb um die beste Aus­bil­dung ange­heizt, der die Schü­ler lang­fris­tig nützt, da gute Kon­zepte und Ideen schnel­ler umge­setzt wer­den und sich auch bes­ser ver­brei­ten können.

Die Ebene der Leh­rer betref­fen diese Tests eben­falls, da ihre geleis­tete Arbeit bes­ser beur­teilt wer­den kann. Leh­rer haben bis­her ihre eigene Arbeit anhand von Kon­trol­len beur­teilt, die sie selbst erstellt und bewer­tet haben. Lehr­kräfte sind gut beim Beur­tei­len von unter­schied­li­chen Leis­tun­gen inner­halb einer Klasse, aber wenn der Bezugs­rah­men andere Klas­sen der glei­chen Schule oder sogar ande­rer Schu­len ist, dann lie­ßen die Ergeb­nisse zu wün­schen übrig. Dies bedeu­tet, es war nicht mög­lich Schü­ler ver­schie­de­ner Klas­sen genau zu ver­glei­chen, da eine zwei in einer Klasse nicht auto­ma­tisch den glei­chen Leis­tungstand in einer ande­ren Klasse wider­spie­geln muss, wenn dort eine andere Schü­le­rin eben­falls eine zwei geschrie­ben hat. Auf­grund der exter­nen Erar­bei­tung und Aus­wer­tung der Tests hat sich die Ver­gleichs­mög­lich­keit deut­lich gebes­sert. Dadurch kann die Leis­tung des Leh­rers und die von ihm ver­wen­de­ten Metho­den und Kon­zepte beur­teilt werden.

Die bis­he­ri­gen Aus­füh­run­gen deu­ten an, dass die Schu­len und Leh­rer große Ent­schei­dungs­frei­hei­ten haben. Bei­spiele dafür sind:

  • Leh­rer wer­den von den Schu­len ausgewählt
  • päd­ago­gi­sche Kon­zepte kön­nen frei aus­pro­biert werden
  • Unter­richts­ma­te­rial kann eben­falls von den Leh­rern selbst gewählt werden
  • die Cur­ri­cula geben pri­mär Learning Out­co­mes vor, wodurch Leh­rer den Inhalt des Unter­richst eben­falls sehr stark selbst gestal­ten können.

Eine Folge der Frei­hei­ten ist bei­spiels­weise, dass viel Block­un­ter­richt ange­bo­ten wird.

Fazit:

PISA zeigt, Polen ist ein gro­ßer Wurf mit den Bil­dungs­re­for­men gelun­gen. Das dor­tige Bil­dungs­we­sen ist deut­lich fle­xi­bler und libe­ra­ler als die Bil­dungs­land­schaft in den deut­schen Bun­des­län­dern. Beson­ders die Mög­lich­keit des Leis­tungs­ver­gleichs und die gro­ßen Frei­hei­ten der Leh­rer und Schu­len ent­fachte eine  per­ma­nente Dyna­mik, die die guten Ergeb­nisse bei PISA erklä­ren. In die­sen Punk­ten kann das deut­sche Bil­dungs­we­sen von unse­rem östli­chen Nach­barn eini­ges lernen.

  1. In die­sem Bei­trag sol­len nicht die Män­gel der PISA-Studien dis­ku­tiert wer­den. Mir ist bewusst, dass sie nur drei Berei­che mes­sen und z.B. Fremd­spra­chen, Poli­tik und Ethik ver­nach­läs­si­gen. Den­noch kön­nen sie Hin­weise für die Ent­wick­lung der Ent­wick­lun­gen von Bil­dungs­sys­te­men liefern.
  2. Auf die asia­ti­schen Spit­zen­rei­ter wird nicht genauer ein­ge­gan­gen, da diese eine andere Bil­dungs­kul­tur ver­fol­gen, als dies in Europa der Fall ist.
  3. In die­sem Ran­king für Ober­schu­len gehen fol­gende Bestand­teile ein: Pflicht­fä­cher 25%; Wahl­fä­cher 40%; Ergeb­nisse bei Jugend forscht 30% und die Mei­nung der Wis­sen­schaft (5%)

 

Teile Diese Icons ver­lin­ken auf Book­mark Dienste bei denen Nut­zer neue Inhalte fin­den und mit ande­ren tei­len kön­nen.
  • Facebook
  • Twitter
  • XING
  • LinkedIn
  • Google Bookmarks

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.

*