Enterprise 2.0

Ein Blog über den Einsatz von Social Media in Organisationen

#Mitbestimmung — Lektion 2: Social Media: Brandbeschleuniger & Brandlöscher

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Social Media Anwendungen können die bisher dargestellten Entwicklungen beschleunigen. Zusätzlich können sie dazu beitragen, die Probleme, die durch die Entwicklungen verursacht werden, zu lösen. Im folgenden Abschnitt soll deshalb dargestellt werden, in welchen Bereichen Social Media Anwendungen eine immer wichtigere Rolle spielen, um im Anschluss mögliche Problemlösungsbeiträge aufzuzeigen.

Die Subjektivierung von Arbeit wird sich durch Social Media weiter zunehmen. Technisch-wissenschaftliche Arbeit gewinnt an Bedeutung, die viele Mitarbeiter mit hoher Expertise erfordert. Diese Mitarbeiter haben oft ein distanziertes Verhältnis zu Gewerkschaften und Betriebsräten (Schwemmle 2003). Ihnen ist bewusst, dass sie eine hohe Expertise besitzen und somit für das Unternehmen eine wichtige Bedeutung aufweisen. Deshalb erheben sie Ansprüche ihre Interessen selbstständig zu vertreten. Durch Social Media erhalten diese Experten die nötigen Werkzeuge, um ihre Interessen effektiv zu vertreten. Diese Gruppe ging den Gewerkschaften bisher verloren und durch die neuen Medien können sie auch noch zur ernsten Konkurrenz in der betrieblichen Mitbestimmung aufsteigen.

Wie kann dies konkret aussehen? Traditionell wurde in einer Organisation jemand bestimmt, ein Programm einzuführen. Dieser hat dann mit den Kollegen angefangen Ziele und Anforderungen zu definieren, welche sie durch bestimmte Lösungen versuchten, zu erreichen. In guten Fällen wurden einzelne Mitarbeiter zu den Lösungsansätzen befragt. Durch den Einsatz von Social Media wird der Prozess deutlich dynamischer umgesetzt. Netzwerke bilden sich heraus, die in der Projektdurchführung involviert werden und ein Thema weiter entwickeln. Die Besonderheit ist, dass die involvierten Netzwerke keine Organisationen wie Betriebsräte sind, die offiziell Interessen vertreten. Die Netzwerke bestehen aus Mitarbeitern, die selbstbewusst ein Mitspracherecht einfordern (Die Mitsprache, die über Social Media eingefordert werden, entspricht nicht der klassischen Mitbestimmung. Sie erfolgt spontaner, ist häufig nicht institutionalisiert und wird selbst vom Individuum wahrgenommen). Es reicht demnach nicht mehr über Projekte zu informieren. Es wird eine Mitgestaltung eingefordert, die über die reine Information hinausgeht. Die ordinäre Aufgabe von Betriebsräten wird dadurch in Frage gestellt. In den folgenden Blogbeiträgen wird genauer aufgezeigt, wie sich die neue Art der Mitgestaltung in Unternehmen bemerkbar macht.

Die Flexibilisierung von Arbeit ist eng verwoben mit dem technischen Fortschritt. Durch Informationstechnologien ist eine räumliche und zeitliche Entkopplung von Prozessen möglich. Mitarbeiter können versetzt arbeiten. Es bilden sich neue Arten der Zusammenarbeit heraus, welche durch Social Media noch einmal potenziert werden. Die Zusammenarbeit ist gekennzeichnet durch eine enorme Vernetzung. Die Mitarbeiter, die so arbeiten, haben neue Ansprüche an die Art und Weise der Zusammenarbeit. Gerade junge Mitarbeiter wünschen sich eine Flexibilisierung der Arbeitszeit. Dies ist nicht für alle Beschäftigte möglich. Mitarbeiter vom technischen Support müssen z.B. in der Kernarbeitszeit erreichbar sein. Die neuen Entwicklungen führen zu einer weiteren Ausdifferenzierung der Mitarbeiterschaft. Dies Ausdifferenzierung hat zur Folge, dass Wissensarbeiter andere Erwartungen an die kollektiven Interessenvertretungen stellen als Fabrikarbeiter (Pries 2009, 65ff). Zusätzlich fühlen sich junge Arbeitnehmer von den Gewerkschaften und Betriebsräten nicht vertreten. Sie seien unpolitisch, wäre eine Erklärung dafür (Freimuth/Mattfeldt 2012,  52). Die ACTA-Proteste im ersten Halbjahr 2012 zeigten jedoch, dass diese Erklärung eventuell zu einfach ist. Die Proteste veranschaulichen, dass die digital Natives (nach 1980 Geborene) ihre Interessen mit Hilfe der Social Media Werkzeuge anders wahrnehmen, als es bisher der Fall war. Wenn sich Betriebsräte auf diese neuen Werkzeuge nicht einlassen, stellt dies mittelfristig eine Gefahr für traditionelle Betriebsräte dar.

Auch bei der Employability spielt Social Media eine immer wichtigere Rolle. Unter Employability versteht man, dass sich Beschäftigte selbst um die eigene Beschäftigungsfähigkeit kümmern müssen. Dies bedeutet, das eigene Wirken und Wissen muss beständig für Vorgesetzte transparent werden. Dies entspricht einem Grundprinzip von Social Media. Wissen gilt nicht mehr als Machtfaktor, sondern wird geteilt. Wer gut teilt wird von anderen Mitarbeitern wahrgenommen, weshalb die eigene Employability steigt.

Social Media Anwendungen werden die Subjektivierung von Arbeit, der Flexibilisierung von Arbeit und die Bedeutung von Employability weiter verstärken. Gleichzeitig ist jetzt schon klar erkennbar, dass sie Lösungsansätze für Probleme bieten. Sie unterstützen z.B. Diskussionsprozesse. Dies gelingt, in dem die Interessen der heterogenen Mitarbeiterschaft transparent gemacht werden. Wikis und Blogs eignen sich dafür. Außerdem ist es kaum noch möglich komplexe Entscheidungen in knappen Sitzungen adäquat zu behandeln. Benötigt werden Meinungsbildungs- und Entscheidungsbildungsprozesse, die entweder auf langen Tagungen herbeigeführt, oder durch Social Media erleichtert werden. Abstimmungs- und Frageanwendungen sind helfende Werkzeuge beim Bündeln von Interessen. Durch die neuen Anwendungen lassen sich auch Interessen leichter vertreten, in dem große Teile der Belegschaft in den Prozess der Mitbestimmung einbezogen werden und diese die Politik des Betriebsrates sichtbar unterstützen. Zusätzlich ändert sich die Art der Zusammenarbeit innerhalb des Betriebsrates aber auch mit den anderen Akteuren durch Social Media. Letztlich kann die konsequente Nutzung von Social Media Anwendungen zu einer Erschließung neuer Klientele und zu einer neuen Rolle der Betriebsräte innerhalb des Unternehmens führen.

Web 2.0 Anwendungen in den Unternehmen

Das Web 2.0 bietet Anwendung, die die internen Abläufe von Unternehmen immer stärker beeinflussen. Welche haben für Betriebsräte und Gewerkschaften eine besonders große Relevanz?

Allgemein kann gesagt werden, dass Web 2.0 ein Schlagwort ist, welches durch Tim O`Reilly populär wurde. Es beschreibt die interaktive Nutzung des Internets durch den Bürger. Dabei generieren, bearbeiten und verteilen die Nutzer den Inhalt größtenteils selbst (Jäger/Petry 2012; 22f). Anwendungen des Web 2.0 können grob in folgende Kategorien eingeteilt werden: Blog, Wiki, Mikroblog, Social Networks, Podcast, RSS und Bewertungsportal. In jeder Kategorie gibt es zahlreiche Versionen und Anbieter von Lösungen, die nicht immer genau einer Kategorie zugeordnet werden können. Soziale Businessplattformen wie Jive, aber auch Facebook, versuchen eine Vielzahl von Möglichkeiten zu vereinen und weisen deshalb Elemente aus allen Kategorien auf.

Die wesentlichen Vorteile von Anwendungen im Internet sind eine mühelose Überbrückung von räumlichen Distanzen, neue Möglichkeiten der Kommunikation und eine zeitliche Flexibilisierung. Mitarbeiter in global aufgestellten Unternehmen können deshalb an einem Projekt zusammen arbeiten, obwohl sie sich nicht an demselben Ort befinden, nicht gleichzeitig am Projekt arbeiten und sich eventuell noch nie von Angesicht zu Angesicht begegneten. Viele Vorteile der neuen technischen Möglichkeiten sind offensichtlich, weshalb reichlich damit in Unternehmen experimentiert wird.

Blogs erfreuen sich bei Mitarbeitern von Unternehmen einer immer größeren Beliebtheit. CEO oder Betriebsräte können ihn als eine Art digitales schwarzes Brett nutzen, um Informationen zu streuen, Themen zu diskutieren und Wissen aufzubereiten. Die effektive Nutzung des Kommunikationskanals erfordert, dass etwas regelmäßig auf dem Blog gepostet wird, damit er eine Wirkung erzielt. Dies erfordert Zeit, die Mitarbeiter in höheren Positionen kaum haben. Außerdem etablieren Blogs einen direkten Kanal zwischen Mitarbeiter und Betreiber. Wenn ein Betriebsrat einen Blog einrichtet, muss er damit rechnen, Anregungen, Kommentare und Kritik von den Mitarbeitern zu bekommen, auf die er reagieren muss. Die potenziellen Dialoge sind eine große Chance, aber bei unpassender Nutzung auch eine Gefahr für die Betriebsräte.

Twitter hat teilweise die gleichen Funktionen wie Blogs. Die Länge einer Nachricht ist bei diesem Dienst auf 140 Zeichen begrenzt, weshalb es dem Schreiben von SMS stark ähnelt. Twitter ist leicht zu bedienen und spart somit Zeit. Interessierte Mitarbeiter können die Nachrichten eines CEO oder des Betriebsrates folgen und diese kommentieren. Komplizierte Sachverhalte oder Diskussionen lassen sich in diesem Medium aufgrund der Beschränkung nicht führen.

Soziale Intranets wie Jive erfreuen sich als Plattform in Firmen einer immer größeren Beliebtheit. Es vereint verschiedene Arten der Kommunikation. So können direkte Nachrichten (ähnlich einer eMail), Wikis, Blogs oder Abstimmungsanwendungen genutzt werden. Gerade für Mitarbeiter die in direkten Austausch mit anderen Abteilungen oder Hierarchieebenen treten wollen, bieten sie verschiedene Möglichkeiten. Für Betriebsräte liegen hier viele Chancen, aber auch einige Gefahren. Was die Datenabteilungen in Unternehmen mit persönlichen Daten machen, ist stets ungewiss. Außerdem kann eine unbedachte Äußerung im Intranet, aber auch bei Twitter, zu Shitstorms führen, die dann auch noch in aller Öffentlichkeit innerhalb des Unternehmens ausgetragen werden. Bei größeren Unternehmen dringen solche Fälle über die Medien leicht nach außen. Außerdem ist bei einigen Mitarbeitern eine Vermischung von privater und öffentlicher Sphäre zu beobachten. Dies passiert oft ungewollt.

Wiki ist eine Anwendung, die auf die „Weisheit der Massen“ setzt. Unternehmen wie Dell oder IBM haben damit sehr positive Erfahrungen in der Kommunikation zwischen Unternehmen und Anwender gemacht. Sie konnten kostenlos Input einsammeln, der in die Abläufe der Unternehmen eingespeist wurde (Buck 2012). Auch Betriebsräte können von dieser Weisheit profitieren. So können sie zusammen mit Mitarbeitern auf Wikiseiten transparent Lösungsvorschläge für bestimmte Probleme ausarbeiten. Die entscheidende Frage für die Mitarbeiter ist bei diesen Anwendungen, wie die gemachten Vorschläge in den politischen Prozess des Unternehmens systematisch und transparent eingespeist werden. Die Piraten mit der Liquid Feedback Plattform veranschaulichen momentan, dass die Einspeisung der Ergebnisse in die Politik nicht so einfach ist. Betriebsräte können als moderierende Institution eine gewichtige Rolle bei diesem Prozess spielen.

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