Enterprise 2.0

Ein Blog über den Einsatz von Social Media in Organisationen

#Mitbestimmung — Lektion 3: Fallbeispiel #direktzu

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An der Anwen­dung direktzu soll in die­sem Abschnitt genauer ver­an­schau­licht wer­den, wel­che Ent­wick­lun­gen Web 2.0 Anwen­dun­gen für Betriebs­räte mit sich brin­gen. Direktzu habe ich in zwei Groß­un­ter­neh­men ana­ly­siert. Das Tool wird u.a. von Bosch, der Deut­schen Tele­kom, der Metro Group, Air­bus, Sie­mens genutzt. Poli­ti­ker wie die Kanz­le­rin Angela Mer­kel oder der bran­den­bur­gi­sche Minis­ter­prä­si­dent Mat­thias Platz­eck ver­wen­den eben­falls diese Anwendung.

Direktzu ist eine „many-to-one“ Anwen­dung. Dies bedeu­tet, alle Mit­ar­bei­ter kön­nen dem CEO Fra­gen stel­len. Diese Fra­gen kön­nen durch die Besu­cher der Anwen­dung kom­men­tiert wer­den. Außer­dem stim­men die Nut­zer über die Wich­tig­keit der Fra­gen ab. Eine vor­her fest­ge­legte Anzahl von Fra­gen, die am häu­figs­ten posi­tiv bewer­tet wur­den, wird in einem bestimm­ten Tur­nus (z.B. alle zwei Wochen) vom CEO beant­wor­tet. Ein­zelne Fra­gen lesen in der Spitze bei einem Groß­un­ter­neh­men ca. 30.000 bis 40.000mal Nut­zer. Es gab für eine Frage bis zu 5000 mehr posi­tive Stim­men als nega­tive. Im Ver­gleich zu ande­ren Anwen­dun­gen ist direktzu sehr ein­fach. Dies betrifft nicht nur den Umfang der Anwen­dung, son­dern auch die Nut­zer­freund­lich­keit. Die Nut­zung der Anwen­dung ähnelt dem Schrei­ben einer E-Mail und dem Drü­cken des „gefällt mir But­tons“ bei Face­book. Dadurch wird sicher­ge­stellt, dass auch Inter­net­nut­zer mit gerin­gen Com­pu­ter­kennt­nis­sen die Anwen­dung nut­zen kön­nen. Auf­grund der Ein­fach­heit wird direktzu gewöhn­lich von vie­len Mit­ar­bei­tern verwendet.

Abb. I Sys­tem hin­ter direktzu

Eine Ana­lyse der Anwen­dung zeigt, es reicht nicht aus sie zu pro­gram­mie­ren und zu bewer­ben. Viel ent­schei­den­der ist die Frage, wie sie von den ein­zel­nen Akteu­ren genutzt wird. Die Akteure in einem Unter­neh­men ver­bin­den ver­schie­dene Erwar­tun­gen mit der Anwen­dung und nut­zen es auf unter­schied­li­che Art und Weise. Im Fol­gen­den soll dar­auf genauer ein­ge­gan­gen werden:

Wie der Name direktzu sagt, erhal­ten alle Mit­ar­bei­ter die Mög­lich­keit direkt mit dem CEO, der die Anwen­dung nutzt, zu kom­mu­ni­zie­ren. Im Gegen­satz zu einem Blog ist die Direkt­heit jedoch ein­ge­schränkt, da eine Abstim­mung über die Fra­gen erfolgt. Damit das eigene Anlie­gen an den CEO wei­ter gelei­tet wird, muss es für andere Mit­ar­bei­ter eine hohe Rele­vanz haben. Die Rele­vanz kann einer­seits gestei­gert wer­den durch gut for­mu­lierte Fra­gen. Ande­rer­seits bewer­ben Nut­zer ihre eige­nen Fra­gen, in dem Mit­ar­bei­ter auf­ge­for­dert wer­den, für die Frage abzu­stim­men. Dies gelingt z.B. durch das Nut­zen von Mai­ling­ver­tei­lern. Gerade Betriebs­räte haben durch die eige­nen Netz­werke gute Chan­cen, eigene Fra­gen zu stüt­zen, wes­halb sie direktzu für eigene Anlie­gen nut­zen kön­nen. Soll­ten sie jedoch ver­mehrt als unwich­tig wahr­ge­nom­mene Fra­gen stel­len, min­dert es die Stel­lung des Betriebs­ra­tes im Unternehmen.

Viele Nut­zer der Anwen­dung stel­len eine Frage, weil ihnen ein Thema auf dem Her­zen liegt. Dies hat zur Folge, dass häu­fig emo­tio­nale The­men ange­spro­chen wer­den, wie Stand­ort­schlie­ßun­gen oder HR-Themen. Gehalts­er­hö­hun­gen und der Umgang mit Leih­ar­bei­tern gehö­ren zu die­sen HR-Themen. Auch die Unter­neh­mens­farbe oder die Ver­kehrs­an­bin­dung zu Wer­ken wer­den the­ma­ti­siert. Der Umgang mit man­chen Fra­gen ist nicht so ein­fach. Erst recht nicht, wenn die Fra­gen­den per­sön­lich betrof­fen sind. Diese erwar­ten aus ver­ständ­li­chen Grün­den eine offene und authen­ti­sche Ant­wort vom CEO.  Das Anspre­chen von schwie­ri­gen Fra­gen bie­tet Chan­cen für Betriebs­räte. Für sie wird trans­pa­rent, wel­che The­men gerade eine hohe Rele­vanz auf­wei­sen und womit sie sich beschäf­ti­gen soll­ten. Zusätz­lich kann sie Betrof­fe­nen Hilfe bei der Bear­bei­tung der The­men und beim Dia­log zwi­schen den Akteu­ren anbieten.

Eine wei­tere Funk­tion, die die Anwen­dung direktzu für die Mit­ar­bei­ter erfüllt, ist die gegen­sei­tige Ver­net­zung. Durch die Abstim­mung wird deut­lich, wie viele Beschäf­tigte eine bestimmte Frage als wich­tig erach­ten. Fra­gende, die auch aus dem Betriebs­rat sein kön­nen, bekom­men ein direk­tes Feed­back über die Rele­vanz des eige­nen Anlie­gens. Zusätz­lich ist eine Dis­kus­sion über die Kom­men­tar­funk­tion der Anlie­gen mög­lich. In der Dis­kus­sion kön­nen Zustim­mung, aber auch neue Per­spek­ti­ven über die Anlie­gen her­vor­ge­bracht wer­den. Gerade für Betriebs­räte hat die Ver­net­zung von Mit­ar­bei­tern eine große Bedeu­tung. Sie kön­nen neue Mit­glie­der gewin­nen, wenn ihre Fra­gen in der Anwen­dung posi­tiv auf­fal­len. Wenn es dage­gen auf­fal­len sollte, dass sie nicht die per­sön­li­chen Anlie­gen bestimm­ter Mit­ar­bei­ter ver­tre­ten, dann kann eine Abwen­dung erfolgen.

Durch das Abstim­mungs­sys­tem wird ersicht­lich, wel­ches Thema gerade viele Mit­ar­bei­ter bewegt. Es funk­tio­niert wie ein gesell­schaft­li­cher Seis­mo­graph. Es wird eine Rele­vanz geschaf­fen und die Stim­mung in der Beleg­schaft wird sicht­bar. Die Schaf­fung der Sicht­bar­keit von Pro­ble­men und Anlie­gen ist nicht zu unter­schät­zen, da der Vor­stand und das hohe Manage­ment gewöhn­lich in einer eige­nen Welt leben und kaum inten­si­ven Kon­takt mit nor­ma­len Mit­ar­bei­tern haben. Für Betriebs­räte besteht die Gefahr, dass ihre Anlie­gen, die sie an die Füh­rung eines Unter­neh­mens her­an­tra­gen, mar­gi­na­li­siert wer­den, wenn sie sich stark von den The­men aus der Anwen­dung unterscheiden.

Ent­schei­dun­gen vom hohen Manage­ment kön­nen für nor­male Mit­ar­bei­ter oft nur unzu­rei­chend nach­voll­zo­gen wer­den. An den CEO wird des­halb oft der Wunsch heran getra­gen, die Ent­schei­dun­gen zu erklä­ren. Direktzu ermög­licht es, einem grö­ße­ren Publi­kum, die sich für ein Anlie­gen inter­es­sie­ren, eigene Posi­tio­nen zu erläu­tern, Sach­ver­halte rich­tig zu stel­len, oder Pro­zesse auf­zu­zei­gen. Durch den Ein­satz der Tech­nik kann theo­re­tisch eine belie­big große Zahl von Mit­ar­bei­tern erreicht wer­den. Für Betriebs­räte wird es immer wich­ti­ger sein, diese Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen ande­ren Akteu­ren zu beob­ach­ten und bei diver­gie­ren­der Mei­nung eigene Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­näle zu nutzen.

Die Ant­wor­ten des CEO erzeu­gen Druck auf andere Akteure im Unter­neh­men. Mit­ar­bei­ter beru­fen sich auf die Ant­wor­ten, wes­halb sie mit Bedacht for­mu­liert wer­den müs­sen. Außer­dem hebelt eine direkte Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen ein­fa­chen Mit­ar­bei­tern und CEO klas­si­sche Abläufe im Unter­neh­men aus. Betriebs­räte blei­ben zum Bei­spiel erst ein­mal außen vor. Hier­ar­chie­stu­fen im Unter­neh­men waren bis­her mit dem pri­vi­le­gier­ten Zugang zu Infor­ma­tio­nen und Per­so­nen ver­bun­den. Dies ändert sich durch direktzu und andere Anwen­dun­gen. Aus der Per­spek­tive der Par­ti­zi­pa­tion von mög­lichst vie­len Mit­ar­bei­tern an Ent­schei­dungs­pro­zes­sen ist diese Ent­wick­lung zu begrüßen.

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