Enterprise 2.0

Ein Blog über den Einsatz von Social Media in Organisationen

Was hat der Niedergang der #Piraten mit Social Media zu tun?

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Momentan geistern wieder vermehrt Beiträge durch die Medien, die analysieren, warum die Piraten ihre Partei gerade an die Wand fahren. Sascha Lobo diagnostiziert einen kollektiven Burnout und Annett Meiritz  ein mangelndes Verantwortungsbewusstsein. In den letzten Monaten schlugen viele Artikel in ähnliche Kerben. Die Beiträge eint, dass sie eine Symptombeschreibung, aber keine Ursachenbeschreibung liefern. Meines Erachtens ist das zentrale Problem, auf das viele Symptome zurückgeführt werden können, das Transparenzversprechen, welches die Piraten, aber auch Social Media im Allgemeinen, in der praktischen Nutzung nicht einlösen können.

Transparenzversprechen? Was meine ich damit?

Die Piraten sind angetreten, um die klassische Politik zu verändern. Im Zentrum steht eine offene Politik, die eine Partizipation und Mitbestimmung von jedem einzelnen Bürger ermöglichen soll. Dieser Anspruch kann nur erfüllt werden, wenn alle Prozesse transparent ablaufen. Die Krux an der Geschichte ist, Organisationen funktionieren nur wenn bestimmte Prozesse intransparent bleiben.

Prof. Kühl zeigt in seinem Buch „Organisationen: Eine sehr kurze Einführung“ warum dies so ist. Ich möchte seine Erklärung hier auf die Piraten übertragen: Die Piraten sind eine politische Organisation. Die Organisation hat drei verschiedene Seiten: Schauseite, formale Seite und informale Seite. Die Schauseite ist das Bild der Partei in der Öffentlichkeit. Dieses sollte möglichst positiv sein, damit sie bei Wahlen erfolgreich ist. Die formale Seite sind Verfahrensregeln wie Abstimmungen über den Vorstand oder Wahllisten bzw. das Abstimmungssystem über Programmatik in LiquiedFeedback. Die informale Seite betrifft Strukturen, auf die sich nicht formal geeinigt wurde und oft sogar unbewusst entstanden sind. Dazu gehören inoffizielle Absprachen im Hintergrund, wie die Isolierung Ponaders Seitens der Vorstandskollegen innerhalb der Partei.

Was bedeutet das „Prinzip der Öffentlichkeit“, welches von den Piraten aus dem Transparenzversprechen direkt abgeleitet wird, für die verschiedenen Seiten der Piraten. Für die Schauseite ist dies ein riesiges Marketinginstrument. Jeder Bürger hat sich schon über intransparente Vorgänge aufgeregt, weshalb die Forderung nach Transparenz per se etwas Gutes ist. Genau deshalb erlebten die Piraten auch diesen unglaublichen Hype vor einer Weile. Außerdem stehen mit Web 2.0-Anwendungen technische Möglichkeiten zur Verfügung, die das Transparenzversprechen scheinbar einlösen können. Man müsse diese nur anwenden.

Auf formaler Seite treten die ersten Probleme mit der Transparenz auf. Alle Mitglieder dürfen über alles abstimmen. Endlose Diskussionen im Schwarm entstehen, die einzelnen Mitglieder reiben sich auf, desillusionieren mit der Zeit und die ganze Partei kommt nicht zu Potte. Genau dieses Problem beschreibt Lobo mit seiner Burnout-Diagnose. Um das Zeit und Ressourcenproblem zu lösen, reagierten die Piraten u.a. mit der Möglichkeit der Delegierung von Stimmen auf andere Parteimitglieder. Dumm nur, dass dies dem Partizipationsgedanken widerspricht, da durch das Delegieren neue Machtstrukturen im Tool entstehen. Meines Wissens können Nutzer einsehen, wer welche Stimmen auf sich vereint. Dennoch ist zu bezweifeln, dass Stimmenhäufungen auf eine Person allein durch die Macht des Wortes erzielt werden. Andere Faktoren der informalen Seite spielen eher eine Rolle:

In der Kommunikation zwischen Menschen entstehen immer informelle Regeln, denen bewusst oder unbewusst gefolgt wird. Gemeinhin sprechen wir dabei von Kultur einer Organisation. Je besser ein Mitglied einer Organisation die Kultur der Organisation kennt, desto einfacher kann er oder sie eigene Interessen durchsetzten bzw. sich in dieser Kultur bewegen. In Bezug auf Transparenz bedeutet dies, dass der/die Einzelne kein Interesse hat, informelle Regeln offen zu legen, weil damit eigene Vorteile vernichtet werden. Die Vorteile können z.B. Macht, Ansehen und soziales Kapital sein. Wieder auf die Piraten angewendet: Um einen unliebsamen Geschäftsführer loszuwerden, können persönliche Beziehungen, nicht öffentliche E-Mailverteiler oder Charisma benutzt werden, was oft im Hintergrund abläuft. Diese Prozesse stehen im eklatanten Widerspruch mit dem Transparenzversprechen der Piratenpartei. Da Piraten aber auf Transparenz stehen, wird informelle Kommunikation regelmäßig öffentlich, wo wir wieder bei der Schauseite wären.

Schlussfolgerungen:

  1. Das Transparenzversprechen wirkt auf der Schauseite der Piratenpartei zunächst extrem positiv, kann aber auf der formalen und informalen Ebene oft nicht eingelöst werden. Deshalb zerbröselt das Bild der gelebten Transparenz, welches nach außen transportiert wird, nach und nach. Die Partei wird unglaubwürdig, da sie die eigenen Maßstäbe selbst nicht erfüllen.
  2. Es gibt ständig Konflikte zwischen verschiedenen Zielen, Aufgaben oder Funktionen einer Organisation. Das Transparenzgebot der Piraten befindet sich z.B. ständig im Konflikt mit dem Gebot der informationellen Selbstbestimmung oder noch einfacher mit individuellen Interessen einzelner Mitglieder. Damit die Konflikte von der Organisation ausgehalten werden können, müssen bestimmte Prozesse für die Außenwelt intransparent gehalten werden. Macht die Partei dies nicht, drohen die Konflikte die Organisation zu sprengen, da sie nicht mehr handlungsfähig ist. Genau diese Tendenz lässt sich momentan bei den Piraten beobachten.

Zum Abschluss noch ein paar Worte zur Überschrift. Was hat die Entwicklung der Piraten mit Social Media zu tun? In diesem Bereich wird der Transparenzgedanke häufig wie eine heilige Kuh vor sich her getragen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, der Anspruch an Transparenz ist zu groß. Web 2.0-Anwendungen sorgen für mehr Transparenz aber nicht für absolute Transparenz. Absolute Transparenz hält eine Organisation nicht aus, weshalb der Transparenzgedanke wesentlich ist, wenn man über Effektivität von Web-2.0-Anwendungen nachdenkt. Wie das mehr an Transparenz in Organisationen aussehen kann, werde ich versuchen, in meiner Dissertation zu klären.

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