Enterprise 2.0

Ein Blog über den Einsatz von Social Media in Organisationen

Was uns die #Facebookverbote über unsere #Bildungsexperten in den Ministerien verraten

| 3 Kommentare

 

Wen Funk­ti­ons­eli­ten über etwas ent­schei­den, wovon sie keine Ahnung haben.

Mit Erstau­nen musste ich heute den Arti­kel von Maria Timt­schenko lesen, der sich mit den Regeln der ein­zel­nen Bun­des­län­der bezüg­lich der Facebook-Nutzung von Leh­rern im beruf­li­chen Kon­text befasste. Diese Regeln sind in mei­nen Augen aben­teu­er­lich und sol­len in die­sem Blog­bei­trag kri­tisch beleuch­tet wer­den, da sie in den Kom­men­ta­ren des Arti­kels viel Zustim­mung erfuhren:

  • “Über den Zugang zu Face­book besteht die Gefahr einer Zwei-Klassen-Gesellschaft — die­je­ni­gen, die Mit­glied sind und die ande­ren, die außen vor blei­ben, weil sie zu jung sind oder die Eltern es nicht erlau­ben”, sagt Heinz-Peter Mei­din­ger, Vor­sit­zen­der des Philologenverbands.

Herr Mei­din­ger, der selbst Face­book nicht nutzt, ver­steht anschei­nend nicht, dass Face­book ein Werk­zeug für Kom­mu­ni­ka­tion ist. Face­book ist u.a. des­halb so stark gewor­den, weil inner­halb von Face­book viele Sachen leicht orga­ni­siert wer­den kön­nen. Diese Vor­teile kann man nut­zen, dann mel­det man sich an, muss man aber nicht, dann mel­det man sich nicht an. Die her­auf­be­schwörte Gefahr der Zwei-Klassen-Gesellschaft sug­ge­riert außer­dem, dass im Inter­net nur Face­book als Infor­ma­ti­ons­ka­nal exis­tiert und blen­det aus, dass Schü­ler noch viele wei­tere Kanäle (z.B. Whats­App, lokale soziale Platt­for­men, Spiele usw.) nut­zen, in denen man ebenso Grup­pen grün­den und kom­mu­ni­zie­ren kann. In der Logik des Herrn Mei­din­ger müsste es für ALLE Kanäle in denen sich Leh­rer und Schü­ler poten­zi­ell auf­ein­an­der tref­fen könn­ten, Richt­li­nien geben.

  • Auch Mob­bing im Inter­net sei hier ein Pro­blem: Soll der Leh­rer hier ein­grei­fen und mit dem Ver­trauen der Schü­ler brechen?

Dies ist ein Schein­ar­gu­ment. Vor die­sem Pro­blem ste­hen Leh­rer auch auf dem Schul­hof und im Klas­sen­raum. Das Medium der Kom­mu­ni­ka­tion ändert sich, aber das Pro­blem ist das Glei­che. Ein Ver­bot von Face­book würde nur bedeu­ten, dass das Mob­bing im Inter­net für den Leh­rer nicht sicht­bar wird. Mei­din­ger plä­diert also für das Motto: „Was ich nicht weiß, das macht mich nicht heiß“.

Nun zu den High­lights der Handreichungen:

Das Kul­tus­mi­nis­te­rium in Baden-Württemberg verbietet:

  • Die “Ver­wen­dung von sozia­len Netz­wer­ken für die dienst­li­che Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten” ist “gene­rell ver­bo­ten”. Soll hei­ßen: Leh­rer dür­fen sich bei­spiels­weise nicht über Zeug­nis­no­ten per Face­book aus­tau­schen oder sich die Tele­fon­num­mer eines Schü­lers schi­cken las­sen — die­ses würde den Daten­schutz gefährden.

Sen­si­ble Daten wie Tele­fon­num­mer, Adres­sen oder Noten soll­ten tat­säch­lich nicht über die Platt­form geschickt wer­den. Das grund­sätz­li­che Ver­bot ist den­noch Blöd­sinn, da Face­book nicht per se unsi­che­rer ist, als E-Mail oder andere Kanäle im Inter­net. Hin­weise zum ver­ant­wor­tungs­vol­len Umgang mit sen­si­blen Daten würde den Leh­rern wahr­schein­lich mehr hel­fen, als eine Verbotskultur.

  • Eine dienst­li­che Kom­mu­ni­ka­tion von Leh­rern mit Schü­lern, Eltern oder Kol­le­gen über die sozia­len Netz­werke ist aus daten­schutz­recht­li­chen Grün­den eben­falls nicht erlaubt — sobald ein Ser­ver außer­halb des euro­päi­schen Wirt­schafts­raums stehe, könn­ten die hier gül­ti­gen Daten­schutz­stan­dards nicht gewähr­leis­tet werden.

Diese Rege­lung geht an der Rea­li­tät völ­lig vor­bei. Sie ver­folgt den Ansatz, dass sen­si­ble Daten nicht auf außer­eu­ro­päi­schen Ser­vern gespei­chert wer­den sol­len. Seit #PRISM wis­sen wir jedoch, dass der Daten­schutz auch nicht garan­tiert wer­den kann, wenn eine E-Mail z.B. inner­halb von Ber­lin ver­schickt wird. Es geht dem­nach nicht um den Spei­cher­ort (Ser­ver), son­dern um den Weg der Daten inner­halb des Internets.

Das Bre­mer Bil­dungs­mi­nis­te­rium gibt die Regel vor:

  • Wer als Leh­rer mit sei­nen Schü­lern über soziale Netz­werke kom­mu­ni­zie­ren möchte, sollte sich dafür neben sei­nem pri­va­ten Account noch einen öffent­li­chen anlegen.

Wer diese Regel erson­nen hat, den sollte man mal erzäh­len, dass es bei Face­book mög­lich ist, die Freunde in Lis­ten ein­zu­tei­len. Des­halb sollte es für Leh­rer auch nicht schwie­rig sein, die Schü­ler in eine Liste zu ver­ei­nen, die dann vom Leh­rer nur für sie bestimmte Nach­rich­ten erhal­ten. Eine Nut­zung von zwei Accounts ist des­halb unnötig.

Das Rheinland-Pfälzische Bil­dungs­mi­nis­te­rium bit­tet darum „die schu­li­sche Kom­mu­ni­ka­tion nicht über Face­book statt­fin­den solle”.

Warum sol­len Leh­rer Werk­zeuge nicht nut­zen, die einem die Arbeit erleichtern?

Den krö­nen­den Abschluss lie­fert das Kul­tus­mi­nis­te­rium in  Bay­ern. Dort ist die Kon­takt­auf­nahme als “Fol­lo­wer” bei Twit­ter “in beide Rich­tun­gen grund­sätz­lich unzulässig”.

In der Schule dür­fen Leh­rer und Schü­ler aber Kon­takt auf­neh­men, oder?

Diese gan­zen Regeln zei­gen eine Welt­fremd­heit, die nur schwer erklär­bar ist. Ich ver­su­che es den­noch: Die Regeln erlas­se­nen Funk­ti­ons­eli­ten, die höhe­ren Alters sind und kein Ahnung haben, über was sie dort eigent­lich ent­schei­den. Diese Ein­schät­zung wird durch fol­gende Punkte gestützt.

a)      Das Inter­net und Face­book wird als eine von der rea­len Welt abge­trennte Sphäre betrach­tet. Es wird nicht gese­hen, dass Schü­ler zwi­schen digi­ta­ler und ana­lo­ger Welt nicht mehr tren­nen. Face­book wird neben pri­va­ter Kom­mu­ni­ka­tion auch für die “schu­li­sche” Kom­mu­ni­ka­tion genutzt, wenn es sinn­voll erscheint. Schü­ler nei­gen übri­gens selbst dazu, ihren Facebook-Account, der mit Erwach­se­nen ver­bun­den ist, nicht für die Kom­mu­ni­ka­tion mit ande­ren Schü­lern zu nutzen.

b) Es gibt schein­bar kei­ner­lei Ver­ständ­nis, warum in der all­täg­li­chen päd­ago­gi­schen Arbeit die­ses Werk­zeug sinn­voll sein kann. Kol­la­bo­ra­ti­ves Arbei­ten, trans­pa­rente Infor­ma­ti­ons­po­li­tik, Schnel­lig­keit in der Kom­mu­ni­ka­tion, der Ein­satz moder­ner Medien sind dem­nach für die Minis­te­rien nicht so wichtig.

c)      Für die Minis­te­rien Ver­schwim­men bei Face­book schein­bar die in der Schule klar getrenn­ten Rol­len der Leh­rer (beruf­lich ver­sus pri­vat).  Warum dies so sein soll, ist jedoch nicht nach­voll­zieh­bar, da in mei­ner Schul­zeit Leh­rer nie nur Leh­rer waren, son­dern auch eine pri­vate Seite hat­ten. Dies ist im Inter­net nicht anders und wie schon gesagt bie­tet Face­book Mög­lich­kei­ten die Rol­len­tren­nung durch das Ein­rich­ten von Freun­des­lis­ten klar zu kommunizieren.

Fazit: Die Richt­li­nien haben schein­bar #digi­tal outs­ider erlas­sen, die ihre Logik aus der ana­lo­gen Welt auf Face­book über­tru­gen. Sie bemer­ken nicht, dass auf Face­book in einer neuen Art und Weise kom­mu­ni­ziert wird, die mit der alten Logik nicht mehr gefasst wer­den kann. Den ein­ge­brems­ten Leh­rern bleibt nur zu hof­fen, dass sie nicht gezwun­gen wer­den, wie im letz­ten Jahr­hun­dert zu kom­mu­ni­zie­ren. Alter­na­tiv kön­nen sie auf ein Bil­dungs­mi­nis­te­rium wie das achsen-anhaltinische hof­fen, wel­ches meint: “Man kann Sachen auch über­re­gu­lie­ren — Leh­rer sol­len ein­fach ver­ant­wor­tungs­voll mit der Netz­welt umge­hen” - 100% agree

Teile Diese Icons ver­lin­ken auf Book­mark Dienste bei denen Nut­zer neue Inhalte fin­den und mit ande­ren tei­len kön­nen.
  • Facebook
  • Twitter
  • XING
  • LinkedIn
  • Google Bookmarks

3 Kommentare

  1. Herr Mei­din­ger, der selbst Face­book nicht nutzt, ver­steht anschei­nend nicht, dass Face­book ein Werk­zeug für Kom­mu­ni­ka­tion ist. Face­book ist u.a. des­halb so stark gewor­den, weil inner­halb von Face­book viele Sachen leicht orga­ni­siert wer­den kön­nen. Diese Vor­teile kann man nut­zen, dann mel­det man sich an, muss man aber nicht, dann mel­det man sich nicht an. Die her­auf­be­schwörte Gefahr der Zwei-Klassen-Gesellschaft sug­ge­riert außer­dem, dass im Inter­net nur Face­book als Infor­ma­ti­ons­ka­nal exis­tiert und blen­det aus, dass Schü­ler noch viele wei­tere Kanäle (z.B. Whats­App, lokale soziale Platt­for­men, Spiele usw.) nut­zen, in denen man ebenso Grup­pen grün­den und kom­mu­ni­zie­ren kann. In der Logik des Herrn Mei­din­ger müsste es für ALLE Kanäle in denen sich Leh­rer und Schü­ler poten­zi­ell auf­ein­an­der tref­fen könn­ten, Richt­li­nien geben.

    Die Sicht­weise, dass die Gefahr einer Zwei-Klassen-Gesellschaft nicht bestehe, weil Face­book nur “ein Werk­zeug für Kom­mu­ni­ka­tion ist” finde ich etwas naiv.

    Face­book ist gerade nicht nur ein­fach ein belie­bi­ges Werk­zeug für Kommunikation.

    Kom­mu­ni­ka­tion ist essen­ti­el­ler Bestand­teil unse­rer Gesell­schaft und wird in viel­fäl­ti­ger Weise ver­wen­det um soziale Unter­schiede her­zu­stel­len und zu stabilisieren.

    Die Fokus­sie­rung auf Face­book greift hier natür­lich viel zu kurz, mit dem Inter­net ver­än­dert sich die Art und Weise wie wir mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren aller­dings schon ein Stück weit, inso­fern kann es auch sinn­voll sein, Inter­net­nut­zung auf soziale Dif­fe­ren­zie­rung hin zu über­prü­fen und nöti­gen­falls gegenzusteuern.

    Ver­bote von Inter­net­nut­zung in und durch die Schule kön­nen da aber nicht der rich­tige Weg sein, weil die Zwei-Klassen-Gesellschaft, beste­hend aus inter­net­kom­pe­ten­ten Men­schen, die das Inter­net nut­zen um zu ler­nen, Kom­pe­ten­zen zu ent­wi­ckeln und sich vor­teil­haft zu prä­sen­tie­ren, sowie auf der ande­ren Seite die­je­ni­gen, die vom Inter­net abge­schot­tet wer­den, nur ein Stück weit ver­rin­gert wer­den kann, wenn sich der Staat der Auf­gabe von Kom­pe­tenz­ver­mitt­lung auch in die­sem Bereich annimmt.

    • Hi Michael Kar­ba­cher,
      vie­len Dank für den Kommentar.

      Ich habe nicht geschrie­ben, dass die Gefahr der Zwei-Klassen-Gesellschaft nicht bestünde. Ich stimmt Dir zu, dass es eine Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Schülern/Erwachsenen geben könnte, die Medi­en­kom­pe­tenz haben und die die sie nicht haben.

      Die Dif­fe­ren­zie­rung in der Kategorie/Typus Medi­en­kom­pe­tenz zeigt, dass FB nur ein Werk­zeug ist, wel­ches unter­schied­lich genutzt wer­den kann. Andreas Schulze beschreibt dies in sei­nem Blog­bei­trag ganz schön: “Man muss sie [Tools] nur rich­tig zu nut­zen wis­sen. Es ist auch nicht das Fahr­rad schuld, wenn ich ein Unfall baue, wenn ich viel­leicht mehr als nur ein Erdin­ger Alko­hol­frei getrun­ken habe. Natür­lich sind Netz­werke wie Face­book und Twit­ter nicht ohne, keine Frage. Aber wenn man sie rich­tig ein­zu­set­zen weiß, hel­fen sie allen Beteiligten.”

      Ich will damit sagen, letzt­lich kön­nen wir selbst bestim­men, wie viel wir uns mit dem Werk­zeug aus­ein­an­der set­zen und wie stark wir es nut­zen wol­len. Ich finde eine Dis­kus­sion dar­über sinn­voll, inwie­weit in der Schule Medi­en­kom­pe­tenz ent­wi­ckelt wer­den sollte. Ich glaube, gewisse Grund­kennt­nisse scha­den nicht und stel­len sicher, dass alle von den neuen Mög­lich­kei­ten der Kom­mu­ni­ka­tion pro­fi­tie­ren.
      Dir ein schö­nes Wochenende!

  2. Pingback: Social Software auf dem Vormarsch - Gekommen, um zu bleiben [Buchvorstellung und Verlosung] - Schulzekopp.de | Schulzekopp.de

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.

*